Blickwinkel

Ein Blick in die Werkstatt von Michaela Kellner (Autor: Michael Martin, Kunstlehrer)

Wenn ich etwas suche, was meine Sinne erquicken und erfreuen kann, was meinen Mut, meine Hoffnung in trüben Stunden wieder aufrichtet, was nach anstrengender Arbeit meine Lebenskraft erfrischen und anregen soll - dann muß ich auf Wegen gehen, die nicht in die breite Öffentlichkeit führen, sondern in einen Raum, vielleicht in eine Werkstatt, wo in aller Stille etwas Gestalt oder Farbe annimmt, was aus der Tiefe eines schöpferischen Gemütes, aus einem “inneren Raum” hervortritt. Aus solchen “inneren Räumen” stammen die Wandteppiche von Michaela Kellner.

Sobald man sie erblickt, sprechen sie einen an. Es ist die Leuchtkraft der Farben, aber ebenso die kraftvolle Harmonie der Formen, die eine unmittelbare Wirkung auf den Betrachter ausüben. Von beiden fühlt man sich ergriffen, im wörtlichen Sinne: denn sie bleiben nicht am Ort ihrer stofflichen Existenz, da, wo die Fäden von Meisterhand ineinander verwebt wurden, sondern sie strahlen von dort aus in den Raum, verbinden sich mit dem Menschen, der ihnen gegenübertritt - der Zwischenraum zwischen beiden wird erfüllt, sie werden zur Einheit: nicht anders, als es bei einem “echten” Kunstwerk geschieht; so sind diese Wandteppiche echte Kunstwerke, die auf einer ausgezeichneten handwerklichen Technik beruhen. Wendet man sich von ihnen ab, um weiterzugehen, bleibt etwas im Herzen zurück: der Wunsch, sie wiederzusehen! Das Kunstwerk hat seine Aufgabe erfüllt, es ist ein Stück von mir selbst geworden, es hat in meinem Herzen einen Platz gefunden: ich nehme nicht kritische Distanz, um eine intellektuelle Rezension darüber abzufassen, wie es heute üblich ist.

Aber mich treibt eine Wißbegierde, einen dieser Teppiche aus der Nähe zu betrachten; worauf beruht die leuchtende Kraft der Farben? Erst jetzt fällt mir auf, wie keine der Farbflächen nur aus einer einzigen Farbe gewebt ist. Jede Farbe ist von anderen ähnlichen Farbfäden durchzogen, die den Farbton mildern oder verstärken oder auch verändern, damit er mit der benachbarten Fläche harmonisiert, in sie übergeht usw. Es ist wie ein farbiges “Schichten”, wobei die einzelnen Schichten allerdings - Faden für Faden - nebeneinanderliegen, nicht wie beim geschichteten Aquarell sich überlagern. Durch solches “Miteinander” entsteht eine Art “soziales Gefüge”, das in den Farben hin- und herwebt und nicht auf dem heute immer noch so beliebten “wirkungsvollen Kontrast” aufgebaut ist, obwohl es an einer reichen Vielfalt der Farbtöne nicht fehlt. Und diese Vielfalt verbindet sich zu einem Farbklang von großer
Schönheit.

Woraus schöpft Michaela Kellner die Formen, die Komposition, die die zweite Grundlage ihrer Farbenteppiche bilden? Sie leben in ihr
selbst, so, wie die Farben. Manchmal ist es ein Anstoß aus einer Umgebung mit Kindern: dann werden es Zwerge. Oder es sind Anregungen aus der Pflanzenwelt, mit der sie in ihrer Kindheit durch ihre Großmutter, die im selben Haus und Garten wohnte, innig verbunden war: so entstehen wachsende, blumige Gestaltungen. Oder sie brachte Skizzen mit aus den Bergen, von einem Wasserfall: sie ergaben die äußere Grundlage für das Thema eines gewirkten Wandteppichs. Besonders sind es die eigenen Bewegungen der Eurhythmie, die Michaela Kellner in Farben und Formen erlebt, aber auch die Urformen bildnerischer Gestaltung: die aufrechte Strenge der geraden, oder das bewegte, sich auflösende Verflüchtigen der runden Formen, dazwischen die ausgleichende Mitte bildend, eine runde, Halt gebende, hell leuchtende Form, in die sich alle anderen Formen willig mit eingliedern, wie ein Ur-Schöpfungsmotiv unserer Welt. Man braucht zum Erleben dieser Bilder keine Unterschriften, keine Erklärungen; sie sprechen selber und werden zum Wort für den, der ihre Stimmen hören kann.

Diese Verflechtung von Leben und Kunst spiegelt sich auch in ihren Räumen wider: Michaela Kellners Wohnung geht vom Wohnraum in die Werkstatt über. In der letzteren stehen noch die zwei massiven, behäbig anmutenden Webstühle ihrer Großmutter, die ihr offensichtlich das Weben schon in die Wiege gelegt hat, neben anderen, modernen Webgeräten. An der Wand hängt ein einfaches, mit wenigen Farben großzügig angelegtes Bild, - gleichsam der erste irdische Ausdruck einer bildnerischen Idee. Auf dem Tisch liegt eine zweite von wenigen Linien bedeckte originalgroße Skizze, - das ist der erste Ansatz für die Ausführung auf dem Webstuhl, die das innerlich bewegte, künstlerische Bild in die strenge Rhythmik der sich rechtwinklig kreuzenden und verflechtenden Fäden übersetzen und aufnehmen soll. Wie sich diese beiden Welten dann zusammenfinden können, ist für den Laien fast ein unlösbares Rätsel! Das ist der eigentliche künstlerische Prozess, der nicht vorher in der Vorstellung festgelegt werden kann, sondern sich während der Arbeit entfalten muß. Wie kann ein solcher entstehen?

Darüber gibt es keine festgelegte Lehre. Michaela Kellner sagt selbst, daß sie wohl eine Ausbildung zur Handwebmeisterin absolviert, aber nicht etwa auf einer Kunstschule die künstlerische Gestaltung von Wandteppichen erlernt habe. Diese Fähigkeit hat sie aus sich selbst entwickelt. Und dafür hat sie einen Lehrmeister gehabt: ihr Schicksal. Sie ist in ihrem Leben viel herumgekommen. Nach dem Besuch der Rudolf-Steiner-Schule in Nürnberg war sie in England, dann am Bodensee, machte sodann in Bingenheim eine Weberlehre, konnte danach für eine therapeutische Gemeinschaft in Kärnten eine Weberei mit aufbauen. Nach der Meisterprüfung in Württemberg war sie wieder in Kärnten, dann folgten weitere bewegte Jahre an verschiedenen Orten. Überall lernte sie Menschen kennen, die ihr eigenes Wesen mitprägten, besonders das Zusammenleben und die Arbeit mit seelenpflegebedürftigen Heimbewohnern, das viel Kraft forderte, aber ebenso die Kräfte anregte, sich zu entfalten. Denn die lebendig-schöpferischen, also die eigentlichen künstlerischen Kräfte, können nur durch die Überwindung von Widerständen verschiedenster Art, so auch eigener gesundheitlicher Schicksalsgaben, aus den Tiefen der Seele aufsteigen. Dann erst konnte Michaela Kellner auf eigenen Füßen stehen und ihre künstlerischen Fähigkeiten in einer eigenen Werkstatt selbständig einsetzen.

Durch ihre schöpferische Tätigkeit hilft sie uns zur “Verwandlung des Charakters, unserer Lebensauffassung, unserer Lebenseinstellung durch die Kunst... Nur durch eigenes Einfühlen und Nachspüren können die tiefsten Werte der Kunst erlebt werden, und schließlich ist ja das richtige Genießen der Kunst eine Angelegenheit des gesamten bewußten Lebens des geistig wachen Menschen...” (Prof. Dr. Hugo Ellenberger, aus: Gawronski, Wegweiser durch den Alltag, Wien
1958)

Mit diesen Sätzen werden der Kunst höchste, verantwortungsvolle Aufgaben zugesprochen. Wie kann sie diese erfüllen? Wenn es so ist, daß sie ein Spiegelbild ihrer Zeit sein soll - dann müßte ich, um ehrlich zu sein, sagen: Wo finden wir heute solche Kunstwerke, die diesem Anspruch gerecht werden, das “gesamte bewußte Leben des geistig wachen Menschen” zu verändern und zu erneuern? Eine solche Quelle der Erneuerung ist die Werkstatt von Michaela Kellner, in der ein echter Beitrag zu dieser Aufgabe geleistet wird.

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